Lago de madera

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In Anlehnung an Hemingways Klassiker Der alte Mann und das Meer  könnte diese Geschichte auch lauten Die alte Frau und der See (und irgendwie entbehrt sie auch nicht einer gewissen Dramatik).

Wie immer übrigens mit freundlicher Unterstützung durch Gerhard Buddy Personaltraining, Ingolstadt – Frank Hens mit seinem Restaurant Roter Hirsch in Heusweiler – und natürlich auch Manfred Klein mit der Brillengalerie Klein in Saarlouis. Ohne Euch wäre es um ein vielfaches schwieriger. Danke, dass Ihr da seit.

Kaltwassergewöhnung, die hohe Schule schon für normale Schwimmer, für Warmduscher wie mich allerdings eine schier fast unlösbare, leider jedoch unerlässliche Aufgabe. Und da dem nunmal so ist, beschloss ich, vielleicht zu einer etwas ungewöhnlichen Jahreszeit, mit meiner Kaltwassergewöhnung, pünktlich zum Ende der Freibadsaison, Mitte September, zu beginnen. Also genau dann, wenn andere sich in ein kuscheliges Hallenbad zurückziehen versuche ich meinen Körper an fieses kaltes Wasser zu gewöhnen. Getreu dem Rat von Bruno Baumgartner der meinte, stell Dich auf 17 °C ein und freu Dich wenn es 18 oder 19 sind, schritt ich also mit einer leichten Todesverachtung im Blick zu einem kleinen Tümpel in der Nähe meiner Wohnstatt ; meinem Lago de madera wie dieser von mir liebevoll getauft wurde – Holzweiher, befand ich, hört sich einfach zu profan an.

Und soviel schon mal vorweg, eine Geschichte zu diesem idyllisch gelegenen nassen Kleinod gibt es zudem auch noch. Von dieser wusste ich, als meine Wahl auf den kleinen versteckt gelegenen Weiher fiel, allerdings noch nichts; und es ist keine schöne Geschichte, die da mit meinem Lago verknüpft ist. Jedoch eine, die es zu erzählen wert ist. Sie handelt von menschlichen Abgründen, der Hass, der daraus erwachsen kann und endet mit der Frage, wem letztendlich damit geholfen ist. Doch hierzu ein bisschen später mehr.

Zunächst einmal nahm ich also meinen ganzen kleinen Mut zusammen, schnappte mir meine sexy Neosocken (weniger als Schutz gegen die Kälte sondern viel mehr als Schutz vor allem möglichen, in das man reintreten kann) und trabte wildentschlossen über einen kleinen Waldweg, den kalten Fluten entgegen. Auf dem Weg dorthin hoffte ich noch, dass sich nicht noch jemand dorthin verlaufen hatte. Denn das Letzte, worauf ich Lust hatte, waren Zuschauer. Angekommen, festgestellt, dass außer mir sonst niemand da war, ohne groß weiter nachzudenken die Kleider ausgezogen und mit starrem Blick und entschlossenen Schrittes in den See marschiert.

Bis zum Knie ohne jedes Problem – Yeah. Weiter bis zum Oberschenkel – auch noch ok; das lief ja besser als gedacht. Dann weiter bis zum Bauch …. ok – hier wurde es jetzt dann doch ein bisschen unangenehm. Jetzt tief durchatmen, alles an Mut zusammen nehmen, was noch da ist, und den ganzen Luxuskörper in die kalten Fluten tauchen. Wie war das nochmal ? Man soll mit 3 x 30 Sekunden beginnen ? Gott, war das kalt. Ich dachte sofort an Bruno (Baumgartner) 26 Stunden, Hamza (Bakircioglu) 27 Stunden, Christof (Wandratsch) 24 Stunden, Peter (Hücker) 23 Stunden.
Großer Himmel, und ich zähl die Sekunden jetzt schon – und das Wasser hier hat 17 °C und das Wetter ansonsten nicht all zu schlecht. Zu dem kalten Nass, das sich so liebevoll an meinen Körper schmeichelt, gesellt sich noch die Ungewissheit, was dort in den doch recht trüben
Fluten auf mich wartet. Denn leider beträgt die Unterwassersicht noch keine Armlänge. So beschloss ich dann auch, dass ich nach 5 oder 6 Minuten, die ich paddelnd in der Nähe des Einstiegs verbrachte, genug hatte. Einerseits fühlte ich mich heldengleich beim Ausstieg, andererseits dachte ich daran, wie lange die anderen bei diesen und noch niedrigeren Temperaturen im Wasser unterwegs waren und wie viel Arbeit noch vor mir liegt. Und ich hatte keinen Schimmer, wie ich das hinkriegen sollte – kam ich mir doch gerade vor, wie ein tiefgefrorenes Fischstäbchen. Und das, nach der kurzen Zeit.

Gleich am nächsten Tag trabte ich erneut zu meinem Lago de medera und war super stolz auf knappe 20 – 25 Minuten. Beim Ausstieg, wurde ich dann auch neugierig und freundlich von einem Spaziergänger angesprochen. Nachdem wir uns einige Zeit unterhielten erzählte dieser mir dann auch, von der ziemlich traurigen Geschichte des Sees.

So wurde hier vor etlichen Jahren ein Mann von zwei weiteren brutal niedergestochen und dann in den Weiher geworfen, wo er dann ertrank. Dies geschah genau an der gegenüberliegenden Stelle, an der ich meinen Ein- und Ausstieg hatte. Dort, so der Spaziergänger weiter, wäre auch ein Schild angebracht. Natürlich ließ mir das keine Ruhe und so ging ich nachdem ich mich angezogen hatte auf die andere Seeseite um nach den Schildern zu suchen. Was ich dort fand, gab mir dann aber noch mehr zu denken, als die Geschichte bis dahin ohnehin schon.

Hier wurde ein Mensch entsorgt wie Müll
ermordet von …. und …
… war ein Sohn, ein Bruder und ein Freund.
Die Mörder werden ihre gerechte Strafe bekommen „im Namen des Volkes“
Seine Elter, Bruder und Freunde sind das Volk.
Sie alle werden an euch Denken und warten
Ihr bekommt die Strafe „im Namen der Eltern, Bruder und Freunde“

Dieser Text befand sich, in eine Klarsichthülle verpackt, aufgedruckt auf ein Blatt. Da diese Geschichte schon einige Jahre her ist, muss dieses Blatt wohl regelmäßig ausgetauscht werden, da er sonst sicherlich nicht in diesem Zustand wäre. Ich muss seither oft an den Zettel denken. So verständlich und nachvollziehbar der Schmerz und auch die Wut ist, ja sogar der Gedanke oder der Wunsch nach Rache. Doch frage ich mich seither auch immer wieder, wie entsetzlich müssen diese Menschen leben, wie fürchterlich muss ihre Welt aussehen, dass sie sich nach so vielen Jahren noch immer mit der Rache auseinandersetzten?

Ich möchte nicht missverstanden werden! Ich habe keinerlei Verständnis oder Nachsicht mit Leuten, die andere schlagen, quälen, ermorden. Diesen Subjekten muss mit aller Härte entgegen getreten werden. Doch würde ich, und ich kann hier wohl nur für mich sprechen, mit einem jahrzehntelangen Hassgedanken nicht leben können. Vergiftet dieser Hass doch nicht nur meine Gedanken und meine Erinnerung an eine schöne Zeit, an einen geliebten Menschen; zerstört meine Zukunft. Schleicht sich dieser Hass doch durch das gesamte Denken, Fühlen und Empfinden in allen Bereichen des Lebens. Nimmt die Freude, das Lachen, die Fähigkeit zufrieden und glücklich zu sein, die Fähigkeit andere Menschen und auch sich selbst zu lieben.

An all das, muss seither denken wenn ich dem nachgehe, was mir eine ungeheuere Zufriedenheit und das eine oder andere Glücksgefühl schenkt. Würde ich einen solch ungeheueren Hass mit mir herumtragen, wäre ich hierzu nicht in der Lage und würde nur als vakuumgefülltes Nichts existieren.
Es stellt sich die Frage, ob das im Sinne desjenigen gewesen wäre, der sein Leben auf eine so grausame Art und Weise lassen musste, der gerne weitergelebt hätte – gelebt – und sicherlich nicht nur als leere Hülle vor sich hinvegetieren wollte.

Ein paar Tage später fand ich einen weiteren, größeren und noch idyllischer gelegenen See, zu dem ich seither zum Schwimmen gehe. Nicht, weil mich obige Geschichte aus meinem Lago vertreiben hätte, sondern weil es die aktuelle Wassertemperatur zulässt, dass ich mich mittlerweile gute 50 – 60 Minuten schwimmend dort aufhalten kann. Wenn die Temperaturen jetzt demnächst aber noch weiter nach unten gehen und ich meine Zeit im Freiwasser reduzieren werde, werde ich auch wieder in meinen Lago gehen. Werde daran denken, was dort geschehen ist, hoffen, dass der Zettel nicht wieder erneuert wird, der Hass vergeht und Platz macht für eine gewisse innere Ruhe in der es möglich ist, sich der schönen Zeiten zu erinnern und eine Zukunft, ein Leben zulässt.

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