12-Stunden-Schwimmen 2014 in Mörfelden

fast geschafft …

Frage: Was haben eine um 7 cm eingekürzte Haarlänge, ein fulminanter Sonnenstich und einer meiner besten Tage miteinander gemeinsam? Richtig – das 12-Stunden-Schwimmen in Mörfelden.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – tja, hätten sie ihn denn auch mal da gelassen …. Ein weiterer Schritt auf meinem schwimmenden Weg durch die Straße von Gibraltar ist gemacht. Und dieser Schritt führte mich am 12. Juli 2014 zum 12-Stunden-Schwimmen nach Mörfelden ( 15 km südlich von Frankfurt ). Dies, für mich lange schon heimlich und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, als mein persönliches High Light des Jahres 2014 geplant, wurde dann auch entsprechend akribisch vorbereitet.

Seit Dezember letzten Jahres arbeitete ich ganz gezielt auf diesen Tag hin. Wohl wissend der Tatsache, dass es so viele Dinge gibt, die ich nicht würde beeinflussen können. Wie die Wassertemperatur, das Wetter, wie viel Verkehr auf der Bahn sein wird und und und …… Es gibt unendlich vieles, dass dir bei einem solchen Unterfangen einen Strich durch die Rechnung machen kann. So steigerte ich dann auch seit Dezember letzten Jahres mein wöchentliches Schwimmpensum langsam aber stetig.

Waren mir die Erfahrung nach dem letzten Event in Mörfelden doch noch tief ins Gedächtnis eingebrannt. Entzündete Schultern, Schmerzen ohne Ende und 2 Wochen tägliche Besuche beim Arzt der fröhlich irgendwelches Zeugs in meine Schultern spritzte und mich mit Akkupunkturnadeln traktierte, nur, damit ich in der Lage war meine Arme wieder über den Kopf zu heben und etwas anderes als Blusen zu tragen.

Gleichzeitig, zu meinem täglichen Schwimmtraining, besuchte ich ein Fitnessstudio und quälte mich wöchentlich noch mit 2 – 3 x TRX-Training über gute 90 Minuten. Natürlich kam es dann auch wie es kommen musste – meine Schultern quittierten den Dienst, schmerzten und entzündeten sich. Toll.

Nachdem mir dann aber Ralph Färber ( ehemaliger mehrfacher Deutscher Meister über 100 m und 200 m Brust und Mitglied im Trainerstab von Holger Lüning im T3 auf Teneriffa ) im April dieses Jahres den entscheidenden Tipp zur Abhilfe und zur Vorbeugung gab ( was wiederum eine andere Geschichte ist ) konnte ich dann mein Training nicht nur wie geplant durchziehen sondern sogar noch weiter ausbauen, steigern und spezifizieren. Zwar blieb mit zunehmender Trainingsdistanz die Geschwindigkeit – sofern man bei mir davon überhaupt sprechen kann – ein wenig auf der Strecke, doch auch das war eingeplant und hielt sich wiederum, Dank der Trainingstipps aus dem T3, in Grenzen.

Jeder, der Wettkämpfe bestreitet, vor allem solche über längere Distanzen / Zeiten, der weiß, dass die körperliche Vorbereitung nur ein Teil des Ganzen ist. Der andere, nicht zu unterschätzende, und oftmals viel schwierigere Teil, ist die mentale Vorbereitung. Die, zumindest für mich, auch immer das Auseinandersetzen mit all den Dingen, die nicht optimal laufen können, bis hin zu einem möglichen Scheitern, beinhalten. Ich weiß, es gibt Menschen, die sagen, alleine das Auseinandersetzen mit dem Scheitern führt schon zu selbigem. Ich sehe es eher so, dass Situationen mit denen ich mich intensiv auseinandersetze für mich „handlebarer“ werden.

Durchdenke ich einen Zeitraum von 6 Stunden Schmerzen, kann ich, wenn sie auftauchen, besser damit umgehen, als würde ich mir ständig mantraähnlich vorbeten, dass alles großartig wird und ist. Denn machen wir uns nichts vor – während eines 12 stündigen Dauerschwimmens ist nicht alles großartig. Im Gegenteil; über lange Strecken hinweg ist es einfach nur zum Weglaufen! Es tut weh! Bei jedem Kraulzug sticht Dir jemand ein glühendes Messer in die Schulter. Krämpfe schleichen sich ran und werden während des Schwimmens ausgeschüttelt. Du steckst Schläge von Mitschwimmern ein und Tritte von den unvermeidlichen Brustschwimmern ( allein an diesem Tag 2 x ins Gesicht und einen in die Rippen ). Deine Magensäfte rebellieren gegen die Gels und eigentlich hast du nach 5 Stunden keine Lust mehr. Kommt dann irgendwann noch die Kälte hinzu, ist das kein wirklicher Spaß mehr.

Und dennoch, gibt es irgendetwas, dass dich all das ertragen und durchstehen lässt. Und für mich gehört das Auseinandersetzten mit all diesen Dingen zur mentalen Vorbereitung unbedingt dazu. Das Wissen darüber, dass es mir schlecht gehen wird und ich immer mal wieder einfach aufhören will, lässt mich genau das nicht tun. Ein extrem guter Freiwasserschwimmer und lieber Freund von mir, Bruno Baumgartner aus der Schweiz, prägte einmal den Ausspruch: Beim Freiwasserschwimmen muss Du Dich immer mit der Möglichkeit des Scheiterns auseinandersetzen. Ich würde das gerne auch auf längere Distanzen im Becken ausdehnen. Wobei ich Bruno unumwunden Recht gebe, dass die Wahrscheinlichkeit im Freiwasser zu scheitern noch um ein vielfaches höher ist, als im Becken.

Nachdem sich nun also ein großer Teil meines Lebens seit Dezember auf diesen einen Tag hin konzentrierte, wurde die Woche davor physisch zu einem reinen Desaster und psychisch zu einer wahren Achterbahnfahrt. Von schmerzenden Schultern und Armen, Knieschmerzen, akuten Magenproblemen, nicht mehr vorhandenem Wassergefühl, der ständigen Idee gar nicht erst anzutreten, immer wiederkehrenden Panikanfällen ( ja, ich weiß es war nur ein 12-Stunden-Schwimmen und trotzdem), Krämpfen bei jeder Gelegenheit bis hin zu erhöhter Temperatur am Morgen des 12. Juli. Wobei im Nachhinein betrachtet das Ganze wohl doch eher den Wechseljahren geschuldet war ( ja lieber Männer, auch wenn ihr sowas nicht lesen wollt – ab dem Zeitpunkt, ab dem wir Mädels unser Blut lieber zur Inbetriebnahme von Krampfadern in den Beinen sammeln als zu regelmäßig wiederkehrenden anderen Zwecken, ereilen uns hin und wieder freundliche Hitzewallungen, die man dann mal schon für erhöhte Temperatur halten kann 😉 ) war an der Woche absolut alles dran. Dass ich nicht geschlafen und zudem jobtechnisch im Totalstress war brauch ich hier wohl nicht mehr explizit zu erwähnen.

In weiser Voraussicht, versendete ich morgens dann auch noch einige Nachrichten bzgl. der erhöhten Temperatur und war wirklich drauf und dran zu sagen – ok, das war ‘s, ich bleib zu Hause. Doch dann fiel mir ein, dass ich das vermutlich dann beim nächsten Mal auch tun würde – und beim übernächsten Mal ebenfalls und dann wieder und wieder – bis ich, vor lauter Panik und Angst nirgendwo mehr starten würde. Also tat ich das, was ich immer tue – wirke nach außen absolut ruhig und gehe selbstverständlich an den Start.

Kaum, dass ich im Wasser war, fiel auch alle Anspannung und jeder Zweifel von mir ab und ich fühlte mich einfach nur noch wohl und zu Hause. Und das hielt – bis auf die Zeiten, in denen so viel Verkehr auf der Bahn war, dass man sie eigentlich hätte schließen müssen – bis zum Ende an. Und so sammelte ich dann auch fleißig km um km, würgte mir ein Gel nach dem anderen rein – freute mich über die Pippi-Pausen – brachten sie den Körper doch immer wieder in eine senkrechte Position – kaute hin und wieder auf einem Stück übersalzenes Hühnchen rum – schluckte brav Isotrinks und Kohlehydratgetränke, schluckte Salzsticks und tat überhaupt alles, was man einem normalen Samstag so überhaupt nicht tut und wovor jeder Arzt und Apotheker abrät. Nach guten 11 Stunden begann ich dann zu allem, was ich zu dem Zeitpunkt eh schon hatte, auch noch erbärmlich zu frieren. Doch es war klar, dass ich die letzte Stunde, wenn auch mit stetig abnehmender Lust, durch quälen würde.

So standen dann am Ende beim Veranstalter 34,1 km auf meiner Karte – lt. meiner Garmin und der privaten Zählung gab es jedoch 36,1 km. Doch das sollte mir letztendlich gleich sein. Mein persönliches Ziel war erreicht und sogar übertroffen. Was wollte ich mehr?!

Während der Siegerehrung und auch auf dem Heimweg war ich dann bis Kaiserslautern auch eigentlich nur am Zittern. Und so wirklich gut ging es mir irgendwie auch nicht. Allerdings ging ich ohnehin nicht davon aus, dass ich zu diesem Zeitpunkt Bäume ausreißen könnte. Am Sonntag lümmelte ich dann auf der Couch und stellte gegen Mittag allmählich fest, dass ich immer stärkere Kopfschmerzen bekam und mir auch langsam aber sicher immer schlechter wurde. Also ging ich dann, trotz des Endspiels der Fußball-WM auch früh in s Bett und hoffte, dass es mir am nächsten Tag besser ging. Was es zunächst auch tat. Doch im Laufe des Montags ging es mir von Stunde zu Stunde schlechter. Fürchterliche Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall — also die alles in allem die nicht so schönen Seiten. Dies alles steigerte sich dann bis hin zur Bewusstlosigkeit. Kurz – ich hatte einen fulminanten Sonnenstich.

So schlichen dann die nächsten Tage im Dämmerzustand vor sich hin – immer mal wieder für ein Stündchen wach um dann wieder in Morpheus Arme zu fallen. Ab Donnerstags war ich dann wieder einigermaßen unter den Lebenden und begann das Erlebte für mich zu verarbeiten.

Was bleibt als Erkenntnis?

  • Ich dachte immer, eine Bademütze schütze vor zu viel Sonne – dem war, zumindest in meinem Fall wohl nicht so.
  • Trainingstechnisch hatte ich in der Vorbereitung alles richtig gemacht. Nach 2 Tagen waren die Schmerzen in den Schultern weg und auch der Muskelkater hielt sich sehr in Grenzen und war ab Mittwoch / Donnerstag nicht mehr zu spüren.
  • Durch die anschließend, erzwungene Auszeit, wurde ich gleich auch wieder geerdet.
  • Mein Gemisch aus Lanolin und Vaseline schützt nicht nur vor Kälte, sondern auch extrem gut gegen die Sonne.
  • Die neue Dienstkleidung saß auch nach der 500. Rollwende noch perfekt und verrutschte nicht

Ach ja, und, dass Chlorwasser, das die Haare ohnehin schon an seine Grenzen bringt, nach 12 Stunden Daueraufenthalt dermaßen angreift, dass ich mich anschließend von guten 7 cm verabschieden musste, da sich das Knäuel, das sich auf meinem Kopf befand definitiv nicht mehr entwirren ließ.

Und natürlich die Gewissheit, dass ich einen Riesenschritt hin zu meinem eigentlichen Ziel gemacht habe.

Hin nach Afrika – durch die Straße von Gibraltar.

An dieser Stelle möchte ich meinen Sponsoren danken, die jeder auf seine Art, zu dem Ergebnis beigetragen haben.

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